Angst ums Grosi im Zürcher Altersheim

Hat die Stadtzürcher Bevölkerung in der Abstimmung vom 30. November 2008 entschieden, dass sie das Grosi und den Opa dem Risiko aussetzen will, während der Sommerzeit an verfrühtem Hitzetod zu sterben? Dies tönt unglaublich, verwerflich, unmöglich.

Doch wo stehen wir heute, im Sommer 2018? Es wurde berichtet, dass in den Stadtzürcher Altersheimen die Senioren unter der starken Hitze leiden. Klimaanlagen dürfen nicht eingesetzt werden, auf Geheiss des Hochbaudepartements. Letzte Woche besuchte ich das Pflegezentrum Geerenholz. Der dortige Leiter Pflege hat mir bestätigt, dass auch seine Bewohner unter der Hitze leiden. Der Zusammenhang zwischen Hitze und Sterblichkeit ist statistisch für die gesamte Schweiz klar erwiesen. Im Hitzesommer 2003 starben rund 1000 Personen mehr als üblich, 2015 waren es rund 800.

Ich finde es inakzeptabel und unhaltbar, dass in Stadtzürcher Alters- und Pflegezentren die Gesundheit und das Wohlergehen der Bewohner nicht an erster Stelle kommen. Den Mitarbeitern mache ich keinen Vorwurf. Sie müssen sich an die rigiden Vorgaben der Stadt halten. Was ist hier los?

Die Stimmbevölkerung hat am 8. November 2008 die sogenannte 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung festgeschrieben. Diese verlangt u.a. eine Reduktion des Energieverbrauches auf 2000 Watt Dauerleistung pro Einwohner. So ist es nun verboten, in Alters- und Pflegezentrun mobile Klimageräte oder andere Kühlanlagen einzusetzen.

Der Stadtrat hat sich bisher auffallend still verhalten zu dieser Thematik. Gänzlich daneben finde ich die Kommentare des Grünen Stadtrates Daniel Leupi in seiner Kolumne im «Tagblatt» vom 22. August 2018, die Diskussion sei «hysterisch» und einer Grünen Gemeinderätin, die in der derselben Zeitung von einer «scheinbaren Sorge um alte Menschen» und einer «absurden Diskussion um die 2000-Watt-Gesellschaft» sprach. Bei allem Respekt! Hier erweist sich eine ökologische Zielsetzung als menschenfeindlich. Was soll höher gewichtet werden: Das Leben der Menschen oder eine ökologische Zielsetzung, welche wahrscheinlich einen verschwindenden Beitrag leisten kann zur Entwicklung des Weltklimas? Im Winter heizen wir – warum sollten wir im Sommer nicht kühlen? Bei 10 Grad in den Schulzimmern kann kein Schüler vernünftig lernen. Warum darf eine Gesellschaft das Leben seiner älteren Menschen aufs Spiel setzen? Den Schutz des ungeborenen Lebens haben wir – zurecht, wie ich finde – als ethische Frage seriös diskutiert und auch geregelt. Sind dagegen alte Menschen nicht mehr so wichtig? Die stören ja nur?

Ich habe in der ersten Gemeinderatssitzung nach der Sommerpause zwei Vorstösse eingereicht, welche vom Stadtrat verlangen, dass er Abhilfe schafft und das Problem beseitigt. Auch mobile Klimageräte sollen zum Einsatz kommen dürfen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Stimmbevölkerung am 30. November 2008 gewollt hat, dass wir mit dem Leben alter Menschen spielen. Wir müssen in Alters- und Pflegezentren kühlen können, 2000-Watt-Gesellschaft hin- oder her.

(Publiziert im „Züriberg“ am 30. August 2018)

2018-08-30T10:34:47+00:0030. August 2018|